Archiv der Kategorie 'Städtebau'

bdla Planerforum vom 4. – 6. September 2008 in Rotterdam

Ich muss sagen, ich bin noch immer überwältigt von dem fachlichen input, den uns unser Kasseler Studienkollege Markus Gnüchtel (GTL Landschaftsarchitekten, Kassel und Düsseldorf, manchen sicher bekannt im Zusammenhang mit der Freiraumplanung für den Anger in Erfurt) bei dieser Exkursion geliefert hat.

Welcher öffentliche / halböffentliche Raum funktioniert / bietet gestalterisch-funktionale Qualität? Warum? Warum nicht?

Markus hat es brillant verstanden, seine eigene Auffassung zurückzunehmen und die Orte, die wir betrachtet haben, als Fragen in den Raum zu stellen.

Das Programm? Der erste Vormittag war der Innenstadt, dem „Zentrum“ Rotterdams gewidmet. Ausgangspunkt war der 1995 fertiggestellte „Schouwbourgplein“ – ein großer, funktionsoffen gestalteter städtischer Platz. Wir haben uns das Tiefbauamt der Stadt Gotha bei der Abnahme des Platzes vorgestellt, er wäre wahrscheinlich bis heute gesperrt. Wir diskutierten hier – und später kam dieses Thema immer wieder in den Focus – die fachliche Herangehensweise: temporäres Bauen (Schouwbourgplein) versus Bauen für die Ewigkeit (Granitplatten am Erfurter Anger).

Anschließend erkundeten wir die „Lijnbaan“, Rotterdams Fußgängerzone aus den 50er Jahren – von vorne, von hinten, die Übergänge, die heutige Funktionalität, das Thema „Wohnen in der Innenstadt“. Ein Stadtplaner, der seit 25 Jahren im Stadtplanungsamt der Stadt Rotterdam tätig ist, begleitete uns und es war für unsere gesamte Gruppe bemerkenswert, dass er an einigen Punkten sagte: „Hier haben wir einen Fehler gemacht …“ Ich kenne fast niemanden, der das je zugeben würde.

Den Nachmittag verbrachten wir im Niederländischen Architektur-Institut (NAI) und hörten und diskutierten Statements und Vorträge zum Zukunftsentwurf der Stadt, zum Selbstverständnis niederländischer PlanerInnen und ArchitektInnen und erhielten Einblicke in die Arbeit niederländischer Planungsbüros. Es ist bemerkenswert, wie hier StadtplanerInnen, LandschaftsarchitektInnen und ArchitektInnen interdisziplinär arbeiten und die positiven Aspekte dessen auch herausstellen – entsprechend stark ist in den Niederlanden auch die Stellung der LandschaftsarchitektInnen und StadtplanerInnen.

Der zweite Tag war der Erkundung des öffentlichen / halböffentlichen Raums im Wohnungsbau der Vor- und Nachkriegszeit bis hin zu aktuellen Projekten im Süden Rotterdams gewidmet. Ein weiterer Aspekt war die Besichtigung von zu Wohnungen umgenutzten Lagerhallen, Speichern und ehemaligen Industriebauten im alten Hafengebiet. Hier werden in einem spannungsvollen Miteinander von umgebauten Industriekomplexen und Neubau Tausende innenstadtnahe Wohnungen geschaffen, ohne dass die alten Hafenquartiere ihre historische Identität aufgeben müssten.

Gerade ist man in Gotha an der Parkstraße dabei, sich von den letzten, in diesem Fall sicher weniger wertvollen Zeugnissen der Industriekultur zu trennen. Ein Konzept für die freiwerdenden Flächen habe man noch nicht, berichtet die Presse – fehlen in der Reihe nicht noch Aldi und Lidl?

Irgendwann in nicht allzu ferner Zeit wird vielleicht jemand den Mut aufbringen und wir hören es: „Hier haben wir einen Fehler gemacht …“

Ich kann mich nur bedanken bei den Organisatoren des Planerforums, die uns – was ich begrüße – mit vielen offenen Fragen in unseren PlanerInnenalltag entlassen haben. Diese Fragen und die anregenden Diskussionen mit KollegInnen werden mich bei zukünftigen Projekten begleiten und haben mich mit neuer Energie versorgt, planerisch zeitgemäße Antworten für den öffentlichen / halböffentlichen Freiraum zu suchen.

Gotha, im September 2008

Jutta H. Schlier (Dipl.-Ing. Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin)

Leerstände in Gotha-Ost (aus TLZ vom 5.3.2008)

Gotha. (tlz/wifi) Den Stadtplanern bereiten in Gotha-Ost Leerstand und Durchgangsverkehr große Sorgen. Ein Rundgang von Mitgliedern des Stadtrates und Mitarbeitern der Stadtverwaltung führte das gestern eindrücklich vor Augen: Unbewohnte Häuser verkommen zu Müllkippen, an der B 247, wo der Verkehr entlang rauscht, stehen zahlreiche Gebäude leer. Einen Rundgang mit Bürgermeister, der alljährlich bei Begehungen der Gothaer Ortsteile üblich ist, gab es nun erstmals in einem Stadtteil. Die beiden SPD-Ratsmitglieder Heinz Kupfer und Wolfgang Metze hatten OB Knut Kreuch dazu bewegt. Metze wies auch auf ein Problem in der Herbsleber Straße hin: „Wer hier in seine Wohnung will, muss erst einmal ein Fußbad nehmen.“ Er spricht damit die abgesenkten und maroden Bürgersteige an, wo sich bei Regen Pfützen bilden. Laut Bürgermeister Werner Kukulenz lässt sich das schnell beheben. Schwieriger gestaltet sich das bei Leerstand. Der ist eine Folge der Stadtteil-Entwicklung und des Durchgangsverkehrs. Um 1900 wurde Gotha-Ost konzipiert, um Arbeiten und Wohnen miteinander zu verbinden. Nach der Wende änderten sich Lebensstandard und Ansprüche grundlegend. Bezeichnend dafür: leer stehende Eckhäuser. Deren Grundstücke lassen kaum Parkmöglichkeiten zu. Erschwerend kommt der Durchgangsverkehr hinzu. Die B 247 führt mitten durch das Wohngebiet; Kreuch: „Eine Umgehgungsstraße ist nötig.“ Dafür spricht sich auch Rüdiger Schaller, vom Gothaer Spar- und Bauverein aus, dem dort zahlreiche Häuser gehören.

Wettbewerb zum alten Stadtbad entschieden

stadtbad_veauthier.jpg

http://www.av-a.com/

Artikel aus (KoKo / 06.12.2007 / DAB 2007/12 |)

Das Stadtbad Gotha ist ein Einzeldenkmal, das 1907-1909 errichtet wurde. Es handelt sich um eine symmetrische Anlage, in deren Mittelbau sich die Schwimmhalle befindet. In den Seitenflügeln sind Wannenbadanlage und Sauna untergebracht.
Das Gebäude wird seit mehreren Jahren nicht mehr genutzt und ist nun für eine Badnutzung zu sanieren. In direkter Nachbarschaft befinden sich unbebaute Grundstücke, die für einen Schwimm­hallen­neubau für Schul- und Vereinsschwimmen in direkter An-
bindung zum historischen Bad genutzt werden sollen.
Durch den Wettbewerb, der durch die Stadt Gotha ausgelobt wurde, sollte eine städtebaulich, architektonisch und funktional ausgewogene, wirtschaftlich günstige Lösung für die geplante Investition gefunden werden.
Nach einem vorgeschalteten Bewerbungsverfahren waren 14 Teams zum Verfahren zugelassen. Das Preisgeld betrug insgesamt 75.000 Euro zzgl. USt. Die Jury, unter Vorsitz von Prof. Ulf Herstermann, FH Erfurt, vergab vier Preise.

1. Preis
Andreas Veauthier | av-a Veauthier Architekten, Berlin
Dr. Nils Meyer, Berlin

Auszug aus dem Juryprotokoll:
„…Insgesamt ergibt sich eine Lösung, die in respektvollem Umgang mit dem Bestand eigenständige, neue Akzente setzt und zudem einen hervorzuhebenden Beitrag zur funktionalen und räumlich-gestalterischen Verknüpfung zwischen altem und neuem Bad liefert. Dabei entsteht durch kompakte Volumen, günstige Flächenverhältnisse sowie eine angemessene Formensprache und Materialwahl gleichzeitig ein wirtschaftlich realisierbares Entwurfskonzept.“

2. Preis
Peter L. Arnke, Brigitte Häntsch | AH Architekten BDA, Berlin
Rolf Mattmüller | Rolf Mattmüller Architekten, Berlin
Wolfgang Brune | Brune Architekten BDA, München

3. Preis
Dr. Anke Schettler | Schettler & Wittenberg Architekten, Weimar
Stefan Nitschke | nitschke+donath architekten, Weimar

4. Preis
Thomas Glöckner | Glöckner Architektur und Städtebau GmbH, Nürnberg

Rendevous am Bahnhof

Neues Umsteigeterminal am Gothaer Bahnhof (http://www.osterwold-schmidt.de/)

Artikel aus www.baunetz.de, Foto von der Homepage der Architekten Osterwold und Schmidt (http://www.osterwold-schmidt.de/)

Bahnkomplex in Gotha eröffnet

Elf Jahre sind seit dem ersten Wettbewerb vergangen, nun wurde am 2. Oktober 2007 der Umbau des Hauptbahnhofs Gotha (Thüringen) sowie der neue Bahnhofsplatz mit dem Neubau des ÖPNV-Terminals feierlich eröffnet. Die Pläne für den so genannten „Rendevouz-Bahnhof“ als Umsteigepunkt zwischen Bahn, Bus und Thüringer Waldbahn wurden nach dem Wettbewerbsgewinn von 2001 (zweiter Wettbewerb) durch die Weimarer Architekten Antje Osterwold und Matthias Schmidt (Osterwold-Schmidt Exp!ander Architekten) realisiert.

Entwurfsidee des Projekts ist die Verknüpfung aller drei Transportmittel buchstäblich unter einem großen Dach. Dieses ist analog zu einem Schachbrett in offene und geschlossene Felder unterteilt. Ein ringsum laufendes Betonband nimmt zudem ein Goethe-Zitat als Lichtfries auf: „Denn man reist doch wahrlich nicht, um an jeder Station einerlei zu sehen und zu hören“. Die Materialität des Terminals wird durch polierte Edelstahlrundstützen sowie Aluminiumverkleidungen geprägt, die im Erdgeschoss durch Profilit-Verglasungen abgelöst werden. Auf dem Boden wechseln Stein- und Holzbeläge, letztere kennzeichnen mit ihrer wärmeren Oberfläche die Aufenthaltsbereiche und sind zusätzlich durch Mauerwerkseinfriedungen abgeschirmt.

Offener Brief der Gothaer Architekten zum geplanten Abriss des Bahnhofsgebäudes

Im Zuge der öffentlichen Debatte um den Abbruch des Bahnhofgebäudes haben sich ortsansässige Architekten der Architektenkammer Thüringen getroffen. In diesem Rahmen stellte Herr Adlich als Leiter des Stadtplanungsamtes die langjährige Planungsgeschichte ausführlich und fundiert vor. In der nachfolgenden Diskussion wurden von den Teilnehmern folgende Leitsätze formuliert:

Städtebaulicher Kontext:

Der Bahnhof ist für den Bewohner der Stadt ein Tor zur Welt, für den Ankommenden das Tor zur Residenzstadt – daraus leitet sich seine besondere Bedeutung als wichtiger Identifikationspunkt ab. Das Bahnhofsgebäude (ob alt oder neu) ist der Endpunkt und damit eine unverzichtbare städtebauliche Markante der historischen Achse
Bahnhof- Friedrichstraße. Zukünftig wird das unmittelbare Umfeld durch das neue ÖPNV-Terminal, das Gebäude der ehemaligen Energieversorgung und die großzügige und moderne Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes geprägt. Auch wenn sich das Bahnhofsgebäude im Eigentum der Bahn oder möglicher Investoren befindet, ist und bleibt es von seiner Wahrnehmung her ein öffentlicher Raum, an den sich besondere Verpflichtungen des Eigentümers binden.

Architektur:
Das historische Bahnhofsgebäude stand mit seiner Errichtung und Architektursprache im unmittelbaren Zusammenhang mit den Gebäuden in der Bahnhofstraße (ehem. Feuerversicherungsbank, ehem. Grundkreditbank), die im sogenannten Historismus von dem bedeutenden Architekten Ludwig Bohnstedt
zwischen 1870 und 1880 errichtet wurden. Durch Umbauten, die teilweise Zerstörung im 2. Weltkrieg und Funktionsverlust wurde der Baukörper verstümmelt, eine ausgewogene Kubatur und Formensprache sind nicht mehr zu erkennen. Den heutigen Anforderungen an einen Bahnhof kann das Gebäude in seinem jetzigen
Zustand nicht gerecht werden.

Thesen:
Der Wiederaufbau des historischen Gebäudes stellt in funktionaler und wirtschaftlicher Hinsicht keine Lösung dar, da die Anforderungen an das Bahnhofsgebäude nicht denen der Bauzeit entsprechen und sich durch Funktionsverlagerungen nur noch ein geringer Flächenbedarf ergibt. Der Umbau des vorhandenen Gebäudes
muß jedoch als Handlungsoption erhalten bleiben – aus diesem Grund darf kein voreiliger Abriss erfolgen. Nach intensiver Klärung der realistischen Funktionsanforderungen wäre ein durch Architektenwettbewerb gut gestalteter Neu- oder Umbau sicher eine bessere Visitenkarte für Gotha als das vorhandene Gebäude.
Die Gothaer Architekten sind dazu bereit, die Stadtverwaltung bei der Lösungsfindung für den Gothaer Bahnhof zu unterstützen.

Gotha im November 2006


 

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