- Schouwbourgplein
- Lijnbaan
- Speicher
- Speicher
- Speicher
- Erasmusbrücke
Ich muss sagen, ich bin noch immer überwältigt von dem fachlichen input, den uns unser Kasseler Studienkollege Markus Gnüchtel (GTL Landschaftsarchitekten, Kassel und Düsseldorf, manchen sicher bekannt im Zusammenhang mit der Freiraumplanung für den Anger in Erfurt) bei dieser Exkursion geliefert hat.
Welcher öffentliche / halböffentliche Raum funktioniert / bietet gestalterisch-funktionale Qualität? Warum? Warum nicht?
Markus hat es brillant verstanden, seine eigene Auffassung zurückzunehmen und die Orte, die wir betrachtet haben, als Fragen in den Raum zu stellen.
Das Programm? Der erste Vormittag war der Innenstadt, dem „Zentrum“ Rotterdams gewidmet. Ausgangspunkt war der 1995 fertiggestellte „Schouwbourgplein“ – ein großer, funktionsoffen gestalteter städtischer Platz. Wir haben uns das Tiefbauamt der Stadt Gotha bei der Abnahme des Platzes vorgestellt, er wäre wahrscheinlich bis heute gesperrt. Wir diskutierten hier – und später kam dieses Thema immer wieder in den Focus – die fachliche Herangehensweise: temporäres Bauen (Schouwbourgplein) versus Bauen für die Ewigkeit (Granitplatten am Erfurter Anger).
Anschließend erkundeten wir die „Lijnbaan“, Rotterdams Fußgängerzone aus den 50er Jahren – von vorne, von hinten, die Übergänge, die heutige Funktionalität, das Thema „Wohnen in der Innenstadt“. Ein Stadtplaner, der seit 25 Jahren im Stadtplanungsamt der Stadt Rotterdam tätig ist, begleitete uns und es war für unsere gesamte Gruppe bemerkenswert, dass er an einigen Punkten sagte: „Hier haben wir einen Fehler gemacht …“ Ich kenne fast niemanden, der das je zugeben würde.
Den Nachmittag verbrachten wir im Niederländischen Architektur-Institut (NAI) und hörten und diskutierten Statements und Vorträge zum Zukunftsentwurf der Stadt, zum Selbstverständnis niederländischer PlanerInnen und ArchitektInnen und erhielten Einblicke in die Arbeit niederländischer Planungsbüros. Es ist bemerkenswert, wie hier StadtplanerInnen, LandschaftsarchitektInnen und ArchitektInnen interdisziplinär arbeiten und die positiven Aspekte dessen auch herausstellen – entsprechend stark ist in den Niederlanden auch die Stellung der LandschaftsarchitektInnen und StadtplanerInnen.
Der zweite Tag war der Erkundung des öffentlichen / halböffentlichen Raums im Wohnungsbau der Vor- und Nachkriegszeit bis hin zu aktuellen Projekten im Süden Rotterdams gewidmet. Ein weiterer Aspekt war die Besichtigung von zu Wohnungen umgenutzten Lagerhallen, Speichern und ehemaligen Industriebauten im alten Hafengebiet. Hier werden in einem spannungsvollen Miteinander von umgebauten Industriekomplexen und Neubau Tausende innenstadtnahe Wohnungen geschaffen, ohne dass die alten Hafenquartiere ihre historische Identität aufgeben müssten.
Gerade ist man in Gotha an der Parkstraße dabei, sich von den letzten, in diesem Fall sicher weniger wertvollen Zeugnissen der Industriekultur zu trennen. Ein Konzept für die freiwerdenden Flächen habe man noch nicht, berichtet die Presse – fehlen in der Reihe nicht noch Aldi und Lidl?
Irgendwann in nicht allzu ferner Zeit wird vielleicht jemand den Mut aufbringen und wir hören es: „Hier haben wir einen Fehler gemacht …“
Ich kann mich nur bedanken bei den Organisatoren des Planerforums, die uns – was ich begrüße – mit vielen offenen Fragen in unseren PlanerInnenalltag entlassen haben. Diese Fragen und die anregenden Diskussionen mit KollegInnen werden mich bei zukünftigen Projekten begleiten und haben mich mit neuer Energie versorgt, planerisch zeitgemäße Antworten für den öffentlichen / halböffentlichen Freiraum zu suchen.
Gotha, im September 2008
Jutta H. Schlier (Dipl.-Ing. Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin)





